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Wie viel Erholung braucht ein Arbeitszeitmodell?

Der Erholungsrechner von der BAuA und XIMES macht es sichtbar!
26. August 2026 durch
Wie viel Erholung braucht ein Arbeitszeitmodell?
XIMES GmbH, Anna Arlinghaus


Rechnen Sie kurz mit. Ein Spätdienst endet um 19 Uhr, der nächste Frühdienst beginnt um 6 Uhr.

Dazwischen liegen 11 Stunden, die gesetzliche Untergrenze. In manchen Branchen ist sogar weniger zulässig. Ziehen Sie Heimweg, Abendessen, Aufstehen und Anfahrt ab. Für Schlaf bleiben vielleicht sechs Stunden. Der Plan ist völlig legal. Belastend ist er trotzdem.

Erholung ist eine zentrale Voraussetzung für Gesundheit, Sicherheit und Leistungsfähigkeit. Arbeit beansprucht kognitive, emotionale und physische Ressourcen, die durch ausreichende Erholungszeiten wiederhergestellt werden müssen.

Ungünstige Arbeitszeitmerkmale wirken diesem Prozess entgegen. Lange Arbeitszeiten, kurze Ruhezeiten, Arbeit zu biologisch ungünstigen Zeiten oder hohe Arbeitsanforderungen können die Erholung beeinträchtigen und zu kumulativer Ermüdung führen.

Vor diesem Hintergrund wächst der Bedarf an evidenzbasierten Instrumenten, die die Risiken und die Gestaltungsqualität von Arbeitszeitmodellen systematisch bewerten und Planenden konkrete Handlungshilfen an die Hand geben.

Erholungsrechner Logo

Genau hier setzt der Erholungsrechner an.

Was der Erholungsrechner ist

Der Erholungsrechner ist ein wissenschaftsbasiertes Softwaretool, das den zu erwartenden Erholungsbedarf auf Grundlage von Arbeitszeitdaten modelliert. Er ist unter www.erholungsrechner.de kostenlos zugänglich.

Er entstand in einem gemeinsamen Projekt von XIMES und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Ziel ist nicht, individuelle Aussagen über einzelne Beschäftigte zu treffen, sondern durchschnittliche Belastungs- und Erholungsprofile für Beschäftigte in spezifischen Arbeitszeitmodellen abzubilden und kritische Konstellationen zu identifizieren.

Ergänzend liefert das Tool Prüfungen zu rechtlichen und ergonomischen Aspekten und gibt konkrete Hinweise zur Optimierung von Dienst- und Schichtplänen.

Beispiel: Teilkontinuierlicher Schichtplan

In einem wochenweisen Wechsel werden Früh-, Spät- und Nachtschichten gearbeitet:

Beispiel eines teilkontinuierlichen Schichtplans

Der berechnete Erholungsbedarf steigt in der Nacht-Woche in einen kritischen Bereich ab der dritten Schicht in Folge. Die anschließende Wochenendruhe reicht knapp aus, um bis zum folgenden Montag wieder erholt zu sein – das Wochenende wird jedoch in einem nicht völlig erholten Zustand verbracht. Bei hoher Arbeitsbelastung (obere gestrichelte Linie) dürfte die vollständige Erholung sogar fraglich sein.

Berechneter Erholungsbedarf eines teilkontinuierlichen Schichtplans

Mit diesen Ergebnissen können Gestaltungsoptionen geprüft werden, zum Beispiel eine Verkürzung der Nachtschicht, weniger belastende Tätigkeiten oder mehr Arbeitspausen zur Verbesserung der Erholung in der Nachtwoche.

Wie die Modellierung entstanden ist

Die Berechnungen basieren auf einer systematischen Aufbereitung der wissenschaftlichen Literatur zu den Zusammenhängen zwischen einzelnen Arbeitszeitmerkmalen und Outcomes wie Erholungsbedarf, Ermüdung, Schläfrigkeit und Erschöpfung.

Die Befunde wurden in einem systematischen Literaturreview extrahiert und in ein integriertes Berechnungsmodell überführt. Effektstärken der einzelnen Komponenten wurden aus der wissenschaftlichen Evidenz abgeleitet, wo diese vorlag, und in den übrigen Fällen aus theoretischen Modellen geschätzt.

Damit ist der Erholungsrechner kein Simulationstool auf Basis einzelner Studien, sondern eine integrierte Modellierung, die den aktuellen Forschungsstand zu mehreren zentralen Arbeitszeitmerkmalen zusammenführt.

Welche Arbeitszeitmerkmale einfließen

Das Modell berücksichtigt die zentralen Einflussgrößen, die in der arbeitswissenschaftlichen Literatur als wirksam für Erholung und Ermüdung ausgewiesen sind.

  • Tägliche Arbeitsdauer: Mit zunehmender Länge des Arbeitstages nimmt der Erholungsbedarf zu.
  • Lage der Arbeitszeit: Der Erholungsbedarf steigt bei Arbeit in der Nacht aufgrund der biologischen Wirkung auf Ermüdung und Leistungsfähigkeit.
  • Pausen: Pausen reduzieren den Erholungsbedarf temporär. Ihre Wirkung hängt von Dauer und Anzahl ab und klingt nach der Pause graduell wieder ab.
  • Ruhezeiten zwischen Schichten: Ruhezeiten führen zu einer zeitabhängigen Erholung. Die Lage im Tagesverlauf, insbesondere die biologische Nacht, moduliert diesen Effekt.
  • Arbeit an Wochenendzeiten: Wochenendarbeit reduziert die soziale Erholung und wird als eigenständiger Faktor berücksichtigt.
  • Pendelzeit: Pendelzeiten stellen eine zusätzliche Belastung dar und reduzieren die tatsächlich verfügbare Erholungszeit.
  • Arbeitsanforderungen: Sie wirken als Verstärkungsfaktor für den Anstieg des Erholungsbedarfs während der Arbeitszeit.

Damit bildet das Modell das Zusammenspiel mehrerer Faktoren ab, die in der Praxis gemeinsam auftreten und sich wechselseitig verstärken oder abmildern.

Was am Ende sichtbar wird: „Zeit bis zur vollständigen Erholung“

Als zentrales Ergebnis nutzt der Erholungsrechner die „Zeit bis zur vollständigen Erholung“. Diese Metrik wurde bewusst gewählt, weil sie verständlich und anschlussfähig ist. Wer einen Dienstplan bewertet, sieht direkt, wie lange die modellierte Erholung nach Schichtende dauert und wo die vorhandenen Ruhezeiten nicht ausreichen, um vollständig erholt zu sein.

Für die Praxis bedeutet das: Kritische Konstellationen wie kurze Ruhezeiten nach Nachtdiensten, lange Schichten mit hoher Anforderung oder viele Dienste in Folge werden nicht als abstraktes Risiko, sondern als konkreter zeitlicher Bedarf sichtbar. Das erleichtert die Diskussion mit Planenden, Führungskräften, Beschäftigten und den Arbeitsschutzbeauftragten.

Validierung: Abgleich mit Fatigue Index und XIMES-Risikorechner

Zur Validierung wurden die Ergebnisse des Erholungsrechners mit zwei etablierten Instrumenten verglichen: dem international genutzten Fatigue Index und dem XIMES-Risikorechner. Die Ergebnisse zeigen die erwarteten Übereinstimmungen und in einzelnen Punkten auch Abweichungen.

Diese Abweichungen sind erklärbar und methodisch sinnvoll. Die Instrumente setzen unterschiedliche Schwerpunkte in den betrachteten Wirkmechanismen – so wirkt Arbeit am Abend nicht signifikant auf das Unfallrisiko, wohl aber auf den Erholungsbedarf und die sozial nutzbare Erholungszeit.

Für wen der Erholungsrechner nützlich ist

Drei Gruppen profitieren besonders vom Erholungsrechner:

Für die Praxis in Unternehmen mit Schicht- oder unregelmäßiger Arbeit

Der Erholungsrechner unterstützt Planende, Personalverantwortliche, Arbeitsschutz und Betriebsräte dabei, Arbeitszeitmodelle systematisch auf ihre Erholungswirkung zu prüfen. Er zeigt kritische Konstellationen früh und liefert konkrete Hinweise, wo eine Umgestaltung sinnvoll ist. Nutzbar ist er branchenübergreifend, etwa in Gesundheit, Logistik, Service, Retail oder Industrie. Wir bei XIMES nutzen ihn für die Analyse und Diagnose Ihrer Schichtpläne, aber auch für die Unterstützung, wenn bei der Neugestaltung verschiedene Alternativen geprüft werden.

Für die Forschung

Das Tool bildet eine strukturierte Modellierung aktueller Evidenz ab und macht sie für empirische Vergleiche, Lehre und weitere Forschungsarbeiten zugänglich. Rückmeldungen aus der Forschung fließen in die Weiterentwicklung ein. Das Tool ist für Forschende auf Anfrage als Open Source verfügbar.

Für die Vermittlung zwischen den Beteiligten

In vielen Organisationen sind Personalplanung, Arbeitsschutz und Betriebsrat unterschiedlich nah an der arbeitswissenschaftlichen Evidenz. Ein gemeinsames Tool mit einer verständlichen Ergebnis-Metrik schafft eine geteilte Faktenbasis für die Diskussion.

Was der Erholungsrechner nicht leistet

Der Erholungsrechner modelliert durchschnittliche Belastungs- und Erholungsprofile. Er trifft keine individuellen Aussagen über einzelne Beschäftigte und ersetzt weder arbeitsmedizinische Beurteilungen noch die Kenntnis der konkreten Arbeitsprozesse.

Wo das Tool genutzt werden soll, welche Dienstfolgen in einer Organisation gestaltet und wie sie mit Prozessen, Qualifikationen und rechtlichen Rahmenbedingungen zusammenpassen, bleibt Gegenstand der Personalplanung und der Arbeitsgestaltung vor Ort. Das Tool liefert eine evidenzbasierte Grundlage, die diese Entscheidungen unterstützt.

Fazit

Erholung ist gestaltbar, wenn die Wirkung der einzelnen Arbeitszeitmerkmale bekannt ist. Der Erholungsrechner macht diese Wirkung sichtbar, indem er zentrale Einflussgrößen zusammenführt und in eine verständliche Ergebnis-Metrik überführt.

Für Planende ist das eine Grundlage, um Dienst- und Schichtpläne belastungsorientiert zu bewerten. Für die Forschung ist es ein integriertes Modell, das die aktuelle Evidenz zu Erholungsbedarf, Ermüdung und Ruhezeitwirkung anschlussfähig macht.

Die Rechnung vom Anfang ist ein Einzelfall. Die eigentliche Wirkung entsteht dort, wo sich solche Konstellationen im Monatsplan häufen, überlagern und aufaddieren. Die gesetzlichen Mindestanforderungen einzuhalten, ist dabei die Pflicht. Wer aber die Lücke zwischen „gesetzlich zulässig“ und „gesundheitlich tragfähig“ schließen will, braucht Zahlen, keine Vermutungen. Der Erholungsrechner liefert sie für jeden Plan, den Sie ihm vorlegen. Für uns bei XIMES ist er ein Baustein guter Arbeitsgestaltung, damit bessere Arbeit und bessere Lebensqualität möglich werden.

Arbeitszeitmodelle auf ihre Erholungswirkung prüfen

Der Erholungsrechner ist kostenlos zugänglich. Rückmeldungen aus Praxis und Forschung sind willkommen und fließen in die Weiterentwicklung ein.

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